Noch mehr Sand und Abschiedsschmerz

Erste Station auf unserer letzten Reiseetappe war wie angekündigt Rockhampton. Die australische Steak-Hauptstadt. Sagt das Internet und der Reiseführer. Und dann kommen wir da an und das gemäss Tripadvisor allerallerbeste Steakhouse in Rockhampton sieht von aussen schonmal ziemlich “naja” aus und von innen eindeutig “zum Davonlaufen”. Ein uncharmanteres Restaurant haben wir lange nicht gesehen – aber weil das Restaurant wirklich begeisterte Kritiken überall hatte, haben wir uns überwunden. Und es hat sich gelohnt!1 (1)Ein fantastisches Steak auf dem heissen Stein, hmmmm…. Und wieder mal der Beweis, dass unsere mitteleuropäischen Ideen zum Thema Stil etc. in Australien nicht zwingend gelten müssen.

Viele, die wir unterwegs getroffen haben haben uns vom Ort 1770 vorgeschwärmt – ja, der heisst wirklich 1770 und ist damit wohl der einzige Ort auf der Welt, dessen Name nur aus Ziffern besteht. 1770 liegt auf einer kleinen Landzunge und hat uns deshalb endlich mal wieder einen Sonnenuntergang überm Meer beschert, obwohl wir an der Ostküste unterwegs waren. 1 (2)Der Campingplatz hatte wie so oft von allen Unterkünften die allerbeste Lage und Idefix und wir einen Logenplatz in der ersten Reihe, herrlich.

Für Christophs 29. Geburtstag (ähem…) hatte ich schon vor langer Zeit in einem Partyshop heimlich diverse Accessoires gekauft. 1 (3)Und in Kombination mit der Tradition meiner Familie, dem Geburtstagskind einen Blumenkranz um den Frühstücksteller zu drapieren wurde daraus eine ziemlich bunte Angelegenheit: Glitzerkerzen in Happy Birthday-Form, ein ultimativer “Birthday Boy”-Anstecker (den Chrissie tapfer den ganzen Tag getragen hat und dank dem wir sogar Rabatt in einem Auto-Zubehör-Laden bekommen haben!), Blumen und “Party Poppers”, das sind kleine Luftschlangenbomben, die dem jugendlichen Jubilar besondere Freude gemacht haben ;-) 1 (4)
Leider waren das auch schon die aufregendsten Ereignisse an seinem Geburtstag, weil wir den übrigen Tag fast ausschliesslich in Sachen Auto verbracht haben, es stand nämlich mal wieder ein Service an. Dabei hat sich dann noch rausgestellt, dass eines der vorderen Radlager sich in die ewigen Jagdgründe verabschiedet hatte und so haben wir mal wieder gewartet. Haben ja inzwischen Übung! Aber völlig entgegen unserer bisherigen Werkstatt-Erfahrungen hier in Australien lief diesmal alles glatt – fairer Preis, gute Arbeit, was willste mehr?

Bevor wir uns nach Fraser Island, der grössten Sandinsel der Welt, aufmachen konnten, mussten wir einen kleinen Abstecher nach Gympie machen, um dort auf der Post einen neuen Reissverschluss für die Hülle unseres Dachzelts zu besorgen. Der hatte nämlich beschlossen, sich dem Radlager anzuschliessen und ebenfalls verabschiedet. Mit dem Reissverschluss im Gepäck wollten wir dann aus der Stadt rausfahren und auf dem nächsten Rastplatz den Reissverschluss neu einfädeln. Guter Plan, wenn nicht der Schliessmechanismus der Fahrertür just in dem Moment beschlossen hätte, gemeinsame Sache mit Radlager und Reissverschluss zu machen. Sprich: die Fahrertür ging plötzlich nicht mehr zu.1 (5)
Mechaniker-Chrissie meinte, easy, schnell die Seitenverkleidung abschrauben, kurz dran rütteln und gut is. Denkste. Erstens sah er nach wenigen Minuten aus wie Sau, weil unter der Türverkleidung halb Australien in Staubform auf ihn gelauert hat und zweitens hat es mitten in dieser Aktion plötzlich angefangen zu schütten wie aus Eimern. Ergebnis waren ein dreckiger UND nasser Chrisse plus ein mit Wasser vollgelaufener Werkzeugkasten, dessen 149 Einzelteile ich hinterher liebevoll trocken polieren “durfte”, damit nicht alles sofort rostet. Wäre ja alles schon nervig genug gewesen, aber es hat sich gezeigt, dass ein Plastikteil in dem Mechanismus so kaputt war, dass wir einen neuen Schliessmechanismus kaufen mussten. Also wieder zurück in die Stadt, horrenden Preis für das Mistding bei Nissan hinblättern und insgesamt 3h später konnten wir unsere Reise dann wieder mit vier schliessenden Türen fortsetzen.

Nach Fraser Island kommt man mit einer Fähre, die die Autos direkt am Strand dort absetzt. DCIM100GOPROUnd ab da liegen dann Hunderte von Kilometern auf Sand vor den Abenteurern, die Insel ist nämlich 120km lang. Am schnellsten kommt man direkt am Strand voran, eine Art Sand-Autobahn, auf der die hartgesottenen Aussies gerne auch mal 80 km/h oder schneller fahren. Und es landen dort auch Flugzeuge. Ein ganz normaler australischer Strand also ;-) 1 (17)1 (9)

Circa 15 Minuten nach unserer Ankunft auf der Insel konnten Idefix und Offroad-Chrissie endlich mal wieder zeigen, dass sie’s drauf haben und ihrerseits einen Australier befreien, der sich mitsamt seinem Anhänger im Sand festgefahren hatte. Endlich mal wieder sorum und nicht immer wir am Haken!1 (7)
Im Meer vor Fraser sollte man nicht unbedingt baden, auf der einen Seite sind die Krokodile auf der anderen die Haie. Dafür gibt es im Inneren der Insel wunderschöne Süsswasserseen. 1 (10)Mit dem glasklaren türkisfarbenen Wasser und den weissen Sandstränden haben wir uns fast wieder wie in der Südsee gefühlt, einfach ohne brennendes Salzwasser in den Augen. Besonders der Lake McKenzie hatte es uns angetan und wir mussten gleich mehrmals dort Schwimmen gehen.DCIM100GOPRO

1 (13)Am zweiten Vormittag auf Fraser ist uns auf einer der Sandpisten im Landesinneren der Polizei-Landcruiser begegnet und wir waren beeindruckt vom Tempo, das der auf der holprig weichen Strecke vorgelegt hat. Ein paar Minuten später haben wir auf einem Parkplatz angehalten und zack stand der Polizist mit dem Alkoholtester neben uns. Chrissie hat ihm sofort zugerufen, dass er unbedingt reinpusten möchte, weil er schon Unmengen an Wasser konsumiert habe. Ausserdem hat Chrissie mir zugerufen, dass ich schnell mit dem Fotoapparat kommen soll. 1 (8)Und der netteste Polizist aller Zeiten hat sich dann nicht nur per Handschlag bei Chrissie vorgestellt, er hat auch gewartet, bis ich mein Foto im Kasten hatte und brav mit posiert. Wir haben so unsere Zweifel, ob das in der Schweiz so auch gegangen wäre…1 (18)

Die Westküste von Fraser ist für Autos direkt am Strand nicht befahrbar, weil der Untergrund dort noch weicher ist als an anderen Stellen und die Gefahr, dass das Auto direkt im Sand verschwinden würde ziemlich gross ist. Gut zu besichtigen an den ziemlich rostigen Überresten dieses Traktors…1 (12)

1 (19)Wir hatten auf Fraser ausschliesslich tolle Campingplätze, vor allem die direkt hinter den Dünen waren spektakulär. Windgeschützt stand dort das Auto, weit und breit kein Mensch und wir haben unsere Stühle einfach oben auf die Düne gestellt und die Aussicht aufs Meer und die Sandautobahn genossen. Wunderschön.1 (16)
Einziger Haken waren ganz im Norden die Fliegen…
Chrissie hier zu sehen in seiner Rolle als “Herr der Fliegen”. 1 (21)Es war fürchterlich. Die Mistviecher sassen überall und haben uns schier in den Wahnsinn getrieben. Aber wenn wir es kurz geschafft haben das auszublenden, war es auch dort einfach toll.1 (22)1 (23)

Chrissie war ja vor 18 Jahren schonmal in Australien und unter anderem auf Fraser. Wir hatten deshalb diverse “oh, den Baum/See/Ausblick hab ich damals auch schon fotografiert”-Momente und freuen uns schon auf den Vergleich mit der 2014er Version der Fotos. DCIM100GOPROAnders als vor 18 Jahren gehörten wir auf Fraser aber diesmal eher zur Seniorengeneration – es sind unglaublich viele Backpacker mit Maximalalter 25 unterwegs. So kam’s auch, dass wir irgendwann versucht haben, optisch einfach auch dort mitzuhalten. Hier unser Versuch…1 (15)
Ich glaube, wir bleiben in Zukunft bei unserem echten Alter ;-)

Auf Fraser kommen jedes Jahr viele Wasserschildkröten, um ihre Eier am Strand zu vergraben. Momentan ist grade Hochsaison dafür. Und es ist beeindruckend, was für lange Strecken die Schildkrötenmamas über den Sand zurücklegen – der Strand ist teilweise sicher 50m breit und die Damen kraxeln dann auch noch die Düne hoch, graben dann ein tiefes Loch, legen die Eier ab, schaufeln das Loch wieder zu und müssen dann den ganzen Weg wieder zurück. 1 (20)Am nächsten Morgen kann man dann immer mal wieder Schildkrötenspuren im Sand sehen (am Anfang haben wir ein seltsames Gefährt hinter diesen Spuren vermutet!).

1 (24)Nach fünf wunderbaren Tagen auf Fraser wurde das Wetter langsam schlechter und wir haben uns wieder mit der Fähre auf den Rückweg gemacht. 1 (25)DCIM100GOPROVom Sand hatten wir aber noch lange nicht genug und sind direkt am Strand die Cooloola-Coast runtergefahren. 1 (27)Entlang des Strands sind dort spektakuläre Dünen aus farbigem Sand und weit und breit kein anderes Auto.1 (28)1 (29)

Spätestens nach dieser Etappe wurde uns aber klar, dass wir definitiv wieder in der Zivilisation sind. Plötzlich gab es mehrspurige Strassen, dichten Verkehr und so viele andere Menschen. Je näher wir Brisbane gekommen sind, desto voller wurde es. Brisbane sollte unsere Endstation für die Fahrt sein, weil wir aber etwas früher als gedacht dort waren, sind wir noch ein Stück weiter nach Süden gefahren. Etwas geschockt waren wir von der Gold Coast. Das ist eine Art Miami Beach in der nicht so hübschen Version, das heisst Hochhäuser ohne Ende und Null Charme.1 (30)
Also haben wir beschlossen, uns das eher von Weitem anzuschauen und sind in den Springbrook-Nationalpark gefahren. Der liegt in den Bergen, ist herrlich grün und hat tolle Aussichtspunkte (unter anderem den “Best of all Lookout”, der tatsächlich so heisst!).1 (31)
Das Foto zeigt neben der tollen Aussicht auch das aufziehende Gewitter… Hatten wir monatelang Glück mit dem Wetter, sind wir in den letzten paar Tagen noch einige Male ordentlich nass geworden. Bei einem besonders heftigen Gewitter haben wir uns sicherheitshalber ins Auto verzogen, wir wollten nicht auf den letzten Metern noch vom Blitz getroffen werden.1 (32)

Dennoch waren es nochmal ein paar tolle Tage. Am letzten Campingmorgen hatte Christoph so auch grössere Schwierigkeiten, mich aus dem Dachzelt rauszubekommen, weil ich mich so gar nicht losreissen konnte.DCIM100GOPRO

Seither schlafen wir also wieder wie normalsterbliche Europäer in richtigen Betten. Netterweise haben Chrissies ehemalige Gasteltern, bei denen er vor 18 Jahren als Sprachschüler gewohnt hat, uns bei sich in Brisbane aufgenommen. Dort haben wir Idefix für den Verkauf parat gemacht – sprich Grossputz, kleinere Reparaturen und ich habe noch einen neuen Bezug für die Matratze genäht.1 (34)
Und dann haben wir unsere Idi, unser Zuhause also schweren Herzens verkauft – immerhin an einen Schweizer, so muss der arme Idi sich nicht ganz so fest umgewöhnen ;-) Mir war zwar zum Weinen zumute, wir sind aber froh, dass wir den Verkauf so reibungslos und vor allem eigenhändig machen konnten und das nicht Sue und Rob aufhalsen mussten.

Gestern sind wir dann mit Sack und Pack nach Sydney geflogen und wurden dort wieder von Sarah und Peter aufgenommen, die uns auch im September schon beherbergt haben. Am Abend sind wir zusammen mit ihnen und mit drei Mitreisenden unseres Whitsunday-Segeltörns noch einmal zum Taco Tuesday gegangen und haben Abschied gefeiert.IMG_5530[1]IMG_5535[1]
Jetzt, ein paar Stunden vor unserem Heimflug mischen sich Trauer über das Ende unseres Reislis mit Vorfreude auf unser Zuhause und unsere Lieben… Und endlich, endlich verschonen wir euch ab jetzt mit unseren unerträglichen Sonne-Strand-Sommer-Fotos sondern machen mit beim Schweizer Winterwetter.

Wobei, ein kleiner Spezialrückblick folgt doch noch in den nächsten Tagen ;-)

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Ein Gedanke zu “Noch mehr Sand und Abschiedsschmerz

  1. Kommt gut nach Hause. Es hat sich wirklich gelohnt, von weitem mitzureisen. So illustrativ und treffend ist alles kommentiert. Tolle Fotos und exzellente Texte. :-)

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